© Annette Schelb

Manchmal wär’s besser, man ginge nicht hin

Natürlich trägt Tante Heidrun ihre unvermeidliche Perlenkette um den Hals – zusammen mit dem Spitzenkragen, der auf beiden Seiten der mit Perlmuttknöpfen verzierten Knopfleiste scharfeckig auf dem Ansatz ihres ausladenden Busens zum Erliegen kommt. Diese Kombination aus ‚Kette, Kragen, Knopfleiste’, diese Dreieinigkeit aus kantigen, kehligen Kas, die im Hals stecken blieben, würde man sie nicht geradezu hinauskicken, macht die Tante insbesondere als Ergänzung der ebenfalls von ihr leidenschaftlich vertretenen Werte ‚Kirche, Küche, Kinder’ – und zwar genau in dieser Reihenfolge – unantastbar, unerreichbar, uneinnehmbar. Eine Festung aus blassem Fleisch. Dennoch muss Onkel Herbert ‚innig mit ihr’ geworden sein – Tante Heidrun hat immerhin neun Kinder.
Ich habe nur eine vage Vorstellung davon, wie Kinder entstehen, aber die reicht aus, es nicht näher wissen zu wollen. Noch nicht – und erst recht nicht bei Tante Heidrun und Onkel Herbert. Und so tröste ich mich damit, dass die unbefleckte Empfängnis, an der ich bereits im vorpubertären Alter von neun Jahren meine Zweifel habe, im ein oder anderen Ausnahmefall möglicherweise doch ein Instrument der Zeugung gewesen sein könne, ein Akt der Gnade gewissermaßen, den Onkel Herbert sich durch seine großzügigen Geldspenden an die Kirche erkauft und den sich Tante Heidrun durch ihre langwierigen Fürbitten gleich neunmal erbetet haben mag.


Hunger auf mehr? Dann senden Sie uns bitte eine e-mail

<< Literarisches