© Annette Schelb


16 – 2002 / Gesellschaft


Globalisierung


Eine philosophische Annäherung an einen komplexen Prozess


 

Von
Annette Schelb
Code Nr. 720 Q 1615


 

Zusammenfassung


Inhalt

Seite

Die Welt schrumpft zum Dorf

1

Das Leben an sich ist relativ relativ

2

Von der Europäischen Gemeinschaft

3

Zur globalen Gesellschaft

4

„Wir wollen doch nur euer Bestes"

5

Das Recht des Stärkeren und sein Gegenbeispiel

6

Neue Wege in Richtung grünere Welt

8

Übernahme bzw. Beibehaltung sozialer Verantwortlichkeit

9

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

10

Globalisierung braucht eine neue Ethik

11

Fazit

12

Internet

13


Die Welt schrumpft zum Dorf


Im Fremdwörterbuch von DUDEN aus dem Jahre 1990 ist es noch nicht aufgenommen, das Wort „Globalisierung“, eine Wortneuschöpfung, die sich aus der Bedeutung des Wortes „global“ (= weltumspannend) ableitet.


Noch vor drei Jahren war das Wort nur der Hälfte der deutschen Bevölkerung ein Begriff. Und für viele von ihnen, die eine vage Vorstellung liefern können, was sie in etwa bedeuten könnte, ist oft nicht klar, wie sie funktioniert und wohin sie führt.


Optimisten mag diese neue sprachliche Kreation möglicherweise zu der Annahme verführen, es handele sich hier um eine Variante der „Multikulturellen Gesellschaft“ oder die Verheißung des Goldenen Zeitalters der Toleranz und des wirtschaftlichen Segens für alle, für Pessimisten bedeutet Globalisierung Verlust der eigenen Kultur und Identität und ein weltwirtschaftliches Schreckgespenst. Ein Phantom, das man nicht greifen kann, denn die Globalisierung kann man nicht begreifen im Sinne von „anfassen“, sie findet statt und wird gemacht, doch die Zusammenhänge sind nur schwer zu durchschauen, gebündelte Informationen über ein Pro und Kontra nur wenigen zugänglich.
Bei der Globalisierung geht es nicht nur um Umstrukturierungen, Auslagerungen und neue Produktionsstätten, sondern auch um Geldgeschäfte wie Transaktionen, die Nutzung unterschiedlicher Steuergesetze in unterschiedlichen Ländern und Profitmaximierung, bei der billigend in Kauf genommen wird, dass ein großer Teil der Menschheit keine ausreichende soziale Versorgung hat, dass Menschenrechte nicht eingehalten werden und der Schutz von Mensch, Umwelt und Natur nicht oder nur beschränkt gewährleistet ist.
Sondern es geht auch um die Menschen, die in den Industrienationen leben und die zwar über Jahre Gelegenheit hatten, sich an den heute vorwiegend gelebten American Way of Life anzupassen, die gegenwärtig aber dennoch auch mit Neuerungen konfrontiert werden, die sich immer schneller etablieren und Formen annehmen, die der Einzelne kaum noch nachvollziehen kann.
Zurückzuführen sind diese Neuerungen zum großen Teil auf ein sich ständig beschleunigendes Tempo nicht nur, aber insbesondere auch bei der Übertragung elektrischer Impulse, das seit gut zwanzig Jahren eine neue Welt, ja, ein abstraktes Imperium geschaffen hat, das ein Machtinstrument an sich ist. Es erschließt Möglichkeiten in einer virtuellen Welt, die Auswirkungen auf die reale Welt haben, ohne dass zwischenmenschliche Kontakte, persönlich ausgehandelte Vereinbarungen oder überhaupt auch nur eine Vorstellung von so genannten (Business-) Partnern bestehen.
Mit ein paar Mausklicks können Börsengeschäfte gemacht werden, die Märkte zusammenbrechen lassen, mit ein paar Mausklicks kann man sich eine Frau aus Thailand bestellen, die man bei Nichtgefallen zurückgibt, mit einem Mausklick kann man sich überall auf der Welt Dinge kaufen und dabei Devisenvorteile nutzen.
Man kann wohl sagen, dass die Globalisierung in Teilbereichen virtuell,  entmenschlicht und spekulativ ist. Und sie macht Angst.
Diese philosophische Annäherung soll dazu beitragen, Denkansätze und neuerdings verbreitete Ansichten zu hinterfragen.


Das Leben an sich ist relativ relativ

Im Fremdwörterbuch von Duden wird die Relativitätstheorie von Albert Einstein der Art beschrieben, dass Raum, Zeit und Masse relative Größen sind und abhängig vom Bewegungszustand eines Beobachters. Deutet man diese Beschreibung freizügig und ohne Anspruch auf eine wissenschaftliche Aussage um, so erlaubt diese Auslegung die Interpretation, dass ein Mensch, der seine Fortbewegungsgeschwindigkeit erhöht, indem er zum Beispiel ein Flugzeug benutzt, um in die Toskana zu fliegen, logischerweise ein anderes Zeitgefühl hat als ein Mensch, der vor 150 Jahren die Postkutsche benutzte, um dieselbe Strecke zurückzulegen. Und ein Mensch, der mangels technischer Hilfsmittel Zeit und Kraft aufwenden muss, um 100 kg zu tragen, hat ein anderes Verhältnis zu körperlicher Arbeit als ein Mensch, der einen Lastenaufzug benutzen kann.
Genau genommen begann die Relativierung von Raum und Zeit spätestens mit der Nutzung des Pferdes als Reittier und der Erfindung des Rades.
Es ist gerade 84 Jahre her, seit die erste deutsche Republik gegründet wurde, eine Zeit, in der durch mit fossilen Brennstoffen betriebene Fortbewegungsmittel - insbesondere Straßen- und Eisenbahnen - an Bedeutung gewannen und es dem Menschen ermöglichten, innerhalb kürzerer Zeit als bisher mehr Distanz zurückzulegen und damit seinen Handlungsspielraum zu erweitern und seine Raum-Zeit-Beziehung in einen neuen Bezug zu setzen.
Das Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg bringt einen Autoboom, der den Handlungsradius in nie gekannter Weise erweitert. Die Grenzen der europäischen Nachbarstaaten sind nur noch eine Tagesreise entfernt. Später verkürzt das Flugzeug die Reisezeiten noch erheblich und lässt den Globus für immer breitere Schichten zu einem Reise- und Erlebnisparadies ohne Grenzen werden. Aber auch in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht erschließen sich völlig neue Perspektiven – nicht nur für Firmen, sondern auch für Privatleute, die z.B. über den Kauf ausländischer Firmen- und Wertpapiere, Briefkastenfirmen in anderen Ländern oder auch Wechselkursgeschäften von der sich stetig entwickelnden Globalisierung profitierten und profitieren. Eine Entwicklung, die mit der Einführung neuer Kommuniktonstechnologien noch mehr perfektioniert wurde, an der aber bisher zumindest nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung partizipiert.
Innerhalb der europäischen Staaten werden nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg Bündnisse und Gemeinschaften ins Leben gerufen, die einerseits die Grenzen innerhalb der ihr angehörenden Länder aufheben, andererseits aber auch die ihr nicht angehörenden Länder auf vielerlei Weise ausgrenzen.



Von der Europäischen Gemeinschaft

Die Europäische Union hat eine lange Ahnengalerie: 1952 wurde die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) gegründet. 1957 wird die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) von Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und den Niederlanden unterzeichnet. 1958 wird die Europäische Atomgemeinschaft (EAG) ins Leben gerufen. 1967 bilden die EGKS, EWG und EAG die Europäische Gemeinschaft, bis dann im Jahre 1993 mit dem Maastrichter Vertrag aus der Europäischen Gemeinschaft die Europäische Union wird.
Die Menschen in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern werden offiziell zu „UnionsbürgerInnen“ mit Europäischem Parlament, Europäischem Gerichtshof und Europäischem Rat, gemeinsamen Abkommen, einer gemeinsamen Währung, gemeinsamen Regularien, Normen und Zielvorgaben. Der europäische Binnenmarkt gewährleistet den freien Verkehr von Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Es ist für UnionsbürgerInnen ohne Einschränkungen möglich, innerhalb der Europäischen Union einen Beruf auszuüben, Unternehmen zu gründen und Dienstleistungen zu erbringen.

Zur globalen Gesellschaft

Eine ähnliche Entwicklung könnte theoretisch auch während des Globalisierungsprozesses stattfinden. Wenn es nicht gravierende Unterschiede gäbe. Diese zu überbrücken bzw. anzugleichen, wird ein wichtiger und schwieriger Aspekt sein. Eine entsprechende Infrastruktur (wie Stromnetze oder Anschlüsse in den einzelnen Haushalten usw.) aufzubauen, dürfte dabei noch das kleinste Problem darstellen. Die Weiterentwicklung des aktuellen Bildungs- und Wissensstandes in den einzelnen Ländern dürfte viel größere Probleme aufwerfen. Die Vorstellung zum Beispiel, dass eine Afrikanerin, die ihre Lasten noch auf dem Kopf transportiert, selbstgebatikte Kleidung trägt und einen Tagesmarsch zurücklegt, um ein paar Waren auf dem Markt zu verkaufen, innerhalb der nächsten Jahre an einem Computer sitzt und  e-Commerce betreibt, mutet nahezu grotesk an.
Die Menschen in den wenig entwickelten Ländern müssten einen möglicherweise unfreiwilligen persönlichen und gesellschaftlichen Quantensprung vollziehen. Ob sie einen solchen Sprung mental verkraften würden, ist Spekulation. Ob und wie sie ihn machen wollen, ist die Frage, die man zum gegenwärtigen Zeitpunkt stellen muss.
Immerhin stehen viele Menschen in diesen Ländern noch am Anfang der "Relativitätsepoche" und möglicherweise auf einer ähnlichen mentalen Stufe wie ein Indianer Anfang des letzten Jahrhunderts, der nach einer Zugfahrt stundenlang am Bahnhof sitzen blieb und der, als er gefragt wurde, warum er sich nicht vom Fleck bewege, sagte: „Ich warte auf meine Seele. Sie ist noch nicht angekommen.“
Vordergründig wäre es die einfachste Lösung, über die Gleichschaltung verschiedener Denkansätze eine perfekte Harmonisierung der Welt-Gesellschaft erreichen zu wollen. Eine solche Harmonisierung wäre der Garant dafür, dass das „Funktionieren“ eines weitgehend einheitlichen Gesellschaftssystems gewährleistet wäre. Doch die so oft zitierte multikulturelle Vielfalt wäre damit nicht mehr gegeben. Unterschiede und die Diskussion darüber sind in jedem Falle unerlässlich auf dem Weg zu einer gleichberechtigten Weltgesellschaft, in der es eben noch andere Werte als die der westlichen Welt gibt.



"Wir wollen doch nur euer Bestes“

Eine gute Antwort darauf wäre: „Aber das kriegt ihr nicht!" Es wäre anmaßend zu behaupten, wir in der westlichen und entwickelten Welt wüssten, was die Menschen in den Schwellenländern wollen und brauchen. Bisher sind die Menschen dort danach nicht gefragt worden, bisher wurden die Bedingungen von außen geschaffen, und zwar primär, so will es scheinen, zum Zwecke der Ausbeutung von Arbeitskraft und Ressourcen.
Globalisierung heißt sicherlich auch: globale Marktplätze zu schaffen, und das wiederum heißt: neue Märkte in allen Teilen der Welt zu öffnen. Das könnte zudem heißen: über Werbestrategien Bedürfnisse im Sinne des American Way of Life zu wecken. Die Tische in den Industrienationen sind gedeckt und weitgehend gesättigt mit den Früchten der Arbeit aus aller Herren Länder, die Mägen in den Schwellenländern oft noch leer.
Der Club of Rome stellt in seinem letzten Bericht, der sich ebenfalls mit den Auswirkungen der Globalisierung befasst, u.a. folgende zentrale Forderungen:



Das Recht des Stärkeren und sein Gegenbeispiel

Bisher hat die Geschichte gelehrt, dass dominante Gruppen ihre Interessen auf Kosten der schwächeren Gruppe durchzusetzen versuchten und durchgesetzt haben. Beispiele hierfür finden sich reichlich. Begründet wurde diese Ausübung von Macht mit dem Wesen des Menschen und mit den an die sozialdarwinistische Theorie angelehnten Thesen, dass der Mensch ein intelligentes Tier sei. Nach dieser Theorie überlebt der Stärkste und hat das Recht, die ihn umgebende Gruppe nach seinen Vorstellungen zu organisieren. Die Vorstellung, dass das menschliche Erbgut zu 99 % mit dem eines Zwergschimpansen übereinstimmt, stimmt hierbei nicht eben hoffnungsvoll. Diese Vorstellung würde bedeuten, dass der Mensch in erster Linie von archaischen Bedürfnissen (Territorial-, Aggressions-, Dominanz-, Besitz- und Sexualtrieb) getrieben wäre und nicht von Intelligenz und dem Streben nach Gleichheit. Diese Theorie würde der Lösung von Problemen, die eine fortschreitende Globalisierung mit sich bringt, absolut entgegenstehen.
Machtausübung auf dieser Ebene würde den Absturz in die Niederungen einer grausamen Realität bedeuten. Sie könnte - zugespitzt - in einer Zukunftsvision enden, wie sie George Orwell in seinem Werk „1984“ beschreibt. Die drei Supermächte Ozeanien, Eurasien und Ostasien konkurrieren miteinander um pervertierte Macht um der Macht willen, obwohl sich die Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen gleichen. Recht, Freiheit, Wahrheit, Wissen, Gefühle, Träume und Ideale sind in Ozeanien nicht viel mehr als Spielmaterial. Individuen existieren nicht mehr, nur noch funktionierende, den Zielen der jeweiligen Machthaber dienliche Geschöpfe.
Eine derartige Zukunftsvision wäre das Ende der Demokratie und kann von niemandem wirklich gewollt sein. Nach Meinung des englischen Politikers Edmund Burke (1729 – 1797) ist das Zeitalter der Ritterlichkeit, dem das der Sophisten, Ökonomen und Kalkulatoren folgt, bereits Ende des 18. Jahrhunderts vorbei. Sind wir auf dem Weg, entmenschlichte Strukturen Wirklichkeit werden zu lassen? Wo bleiben dann die Menschen mit ihren Bedürfnissen nach Sicherheit, nach berechenbaren Größen, nach Perspektiven?
Ernst Ulrich von Weizsäcker widerlegte auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag die oft zitierte Deutung des Sozialdarwinismus [1], der eben diese pervertierte Durchsetzung von Macht um der Macht willen und auf Kosten des freiheitlich denkenden Individuums durchsetzen will.
Nicht der „Struggle of Life“ und „das Recht des Stärkeren“ sind seiner Betrachtung zufolge das ausschlaggebende Argument für ein Überleben, sondern gute Tarnung, gute Brutfürsorge und Kooperation bzw. Symbiose mit anderen Tieren oder Pflanzen, eine Co-Existenz also, von der alle Beteiligten gleichermaßen profitieren.
Dominante Interessen einzelner Gruppen würden der heute von Politik und Gesellschaft diskutierten Globalisierung nachhaltig entgegenstehen. Freiheit und Gerechtigkeit sind die Grundpfeiler einer funktionierenden Demokratie, und sie sind nach den Worten von Johannes Rau [2] die Werte, deren Berücksichtigung für eine wirtschaftlich und politisch erfolgreiche Globalisierung unerlässlich sind.
Dies führt auch Staatsminister Dr. Werner Schnappauf in seiner Rede zur Verleihung der Bayerischen Umweltmedaille im November 2001 [3] in ähnlicher Weise an: Selten bietet ein politisches Konzept so viel für so viele und wird von so wenigen in seinem Wert geschätzt." Und er setzt in seiner Rede den kategorischen Imperativ, den er mit den Begriffen „Sorge für die heutige Generation, Sorge um die Mitgeschöpfe und Sorge um die Lebensbedingungen zukünftiger Generationen“ füllt.
Nachhaltigkeit [4] ist Schnappaufs Auffassung zufolge ein umfassender ethischer Imperativ, der sich in den Traditionen aller Religionen und Weltanschauungen findet, der damit eine Weltgemeinschaft verpflichten und sie zur Verantwortung für die Zukunft allen Lebens befähigen kann. Die Solidarität mit den kommenden Generationen hat demnach den Rang eines universellen kategorischen Imperativs.
Doch die Einhaltung dieser hehren Grundsätze muss durch die Schaffung von verbindlichen Richtlinien und Kontrollinstanzen politisch gewährleistet werden. Nur die Festschreibung und Anerkennung solcher Leitlinien schafft Vertrauen in der (Welt-) Bevölkerung. Denn die Angst ist immer die Angst vor der Angst, nicht vor Realitäten, mit denen man sich auseinandersetzen kann und an deren Mit- oder Umgestaltung sich der Einzelne nach demokratischen Prinzipien gegebenenfalls beteiligen kann.



Neue Wege in Richtung grünere Welt

Es ist einfach nicht mehr von der Hand zu weisen: So wie bisher kann die Ausbeutung von Ressourcen und fossilen Energien nicht weitergehen. Die Märkte schaffen den auch gesellschaftlich relevanten Bereich, der dem Menschen materielle und immaterielle Güter (Dienstleistungen) bereitstellt. Sie suchen die relative Knappheit der Güter, der unbegrenzte Bedürfnisse gegenüberstehen, zu überwinden [5]. Doch bereits jetzt ist das Naturkapital unserer Umwelt an seinen Grenzen angekommen. Weiterhin steigende wirtschaftliche Aktivitäten zur oben angeführten unbegrenzten Bedürfnisbefriedigung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung würden ungebremst unweigerlich ein kritisches Stadium überschreiten, wenn nicht zum Beispiel der Ausstoß von Treibhausgasen durch die Hinwendung zu erneuerbaren und sauberen Energiequellen reduziert wird. Doch auch die Informations- und Kommunikationstechnologie muss insbesondere im Hinblick auf Logistik und ökologisch vertretbare Produktionskonzepte, die Synergieeffekte z.B. bei Transport- und Beschaffungswegen etc. nutzen, ausgebaut werden. Und um die Versorgung der Weltbevölkerung sicherzustellen, muss intelligentes Management von Nahrungs- und Trinkwasserversorgung vorangetrieben werden.
Die viel kritisierte Besteuerung zur Minimierung von Ressourcenverbrauch, um die „globalen öffentlichen Güter“ zu schützen, ist unumgänglich. Hierzu schreibt Bundesumweltminister Jürgen Trittin in seinem aktuellen Buch [6], dass im globalen Gesamtinteresse Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen: „Die Weltumwelt bedarf multilateraler, global verbindlicher Vereinbarungen auf der Basis des Vorsorge- und Verursacherprinzips. Während auf der Verursacherseite internationale Konzerne ihre Entscheidungen mit einem Mausklick treffen können,  muss die Weltgemeinschaft mühsam einen Konsens auf Konferenzen der Vereinten Nationen erarbeiten.“
Grundsätzlich müssen neue Technologien beschleunigt auch in den Entwicklungsländern eingeführt werden. Es kann nicht sein, dass Unternehmen die Umweltproblematik in Billiglohnländer exportieren und an Standorten produzieren lassen, die nach völlig unzulänglichen Umweltstandards und durch Ausbeutung von Arbeitskraft arbeiten.
Doch „grünes Unternehmertum“ kann weltweit auch – und hier ist mehr Transparenz im Hinblick auf die Herstellung von Produkten vonnöten - von jedem einzelnen Bürger und jeder einzelnen Bürgerin nach dem Prinzip „Die Nachfrage regelt den Markt“ durch bewusstes Einkaufen gefördert werden. Teurere Qualität, die nach ökologisch und ethisch vertretbaren Prinzipien hergestellt wurde, ist den auf Quantität produzierten und qualitativ meist unterdurchschnittlich hergestellten und meist auch kurzlebigeren Produkten auf jeden Fall vorzuziehen.



Übernahme bzw. Beibehaltung sozialer Verantwortlichkeit

Im Europa des 19. Jahrhunderts nahm der Nationalstaat schließlich nach schweren Auseinandersetzungen mit den Arbeitern zivilisierende Funktionen wahr und setzte gesamtwirtschaftliche Interessen gegen das Profitstreben einzelner Unternehmen durch: Er verbot beispielsweise Kinderarbeit und offensichtlichen Raubbau an der Arbeitskraft. Er führte Arbeitszeitbestimmungen, Krankenkassen und Sozialversicherungen ein. Diese Rolle des Nationalstaates hat sich unter den Bedingungen der Globalisierung gewandelt. Es gibt heute kein politisches "Subjekt", das das globale Gesamtinteresse mit der zur Durchsetzung nötigen Macht vertritt bzw. durchsetzen könnte.
Das menschliche Sicherheitsbedürfnis und das Bedürfnis nach Strukturen, die diese Sicherheit garantieren, sind damit weltweit nicht gegeben. Doch auch nationalstaatlich stehen diese Strukturen inzwischen auf schwankendem Fundament. Bereits 1776 schrieb der schottische Nationalökonom und Philosoph Adam Smith in seinem Buch „The Wealth of Nations“, dass für ein Volk die äußere Sicherheit wichtiger sei als ein Leben im Überfluss. Das Überleben eines Volkes könne unter Umständen aber eine wirtschaftliche Frage sein.
Globalisierung darf nicht gleichbedeutend sein mit Sozialabbau und Senkung der Lohnnebenkosten zur Wahrung der Standortqualität. Dieser Eineweltwerdungsprozess muss vielmehr dazu führen, dass das soziale Netz weltweit gespannt wird, damit alle Menschen daran teilhaben können.
Der deutsche Sozialstaat war jahrzehntelang der Garant für Demokratie und sozialen Frieden und darf nicht zugunsten des oft angeführte Standortarguments („hohe Sozialabgaben“ gegen „geringe oder gar keine Sozialabgaben“) ausgespielt werden. Er könnte - wie er es auch in seinen Anfängen war – Vorbild für einen „globalen Sozialstaat“ sein.
Ernst Ulrich von Weizsäcker führt dazu an: „Die Vertreter des Kapitals ... sagen, das Kapital sei ”scheu wie ein Reh” [7]. Beim geringsten bürokratischen oder steuerlichen Missklang wird es scheu und geht woanders hin. Diese Metapher diene dazu, sozialpolitisch explosive Tatsachen zu verschleiern: Der Abstand zwischen Reich und Arm vergrößere sich laufend. Sozialpolitik, juristische Sorgfalt oder Umweltauflagen hingegen wirkten meist als Wettbewerbsnachteile im Werben um das scheue Reh Kapital."
Der Umkehrschluss kann dann also nur sein, dem scheuen Reh Kapital diese Fluchtmöglichkeit zu nehmen, indem es überall dieselben Bedingungen findet.



Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die Aktivitäten der in der Öffentlichkeit handelnden Unternehmen müssen im Sinne einer sozialen und naturschonenden Qualitätskontrolle überprüft werden. Nur so kann die Effizienz von verantwortungsvollem Handeln und den daraus resultierenden Ergebnissen gewährleistet werden. Und nur so kann auch die Einhaltung von angestrebten Zielen im Sinne des modernen Managements kontrolliert und gegebenenfalls entsprechend nachgebessert werden.
Es kann nicht sein, dass die wohlhabendsten 20 Prozent der Weltbevölkerung 86 Prozent der natürlichen Ressourcen verbrauchen, während die Hälfte aller Menschen in Armut lebt.
Globalisierung ist ein Prozess, der gewisse Rahmenbedingungen braucht und verbindliche Vereinbarungen, die von Aufsichtsgremien überprüft werden. Hier reicht das marktwirtschaftliche Wunschdenken im Sinne von „Der Markt regelt sich selbst“ nicht mehr aus. Die aus der Lehre von Newton, die physische Welt des Himmels sei eine sich selbst regulierende natürliche Ordnung entlehnte Erkenntnis des Adam Smith, die Welt der Wirtschaft sei eine sich selbst regulierende natürliche Ordnung und: „... wird durch das Öl des Eigeninteresses auf fast wunderbare Weise in Gang gehalten, so dass niemand zu planen braucht und kein Herrscher zu herrschen braucht, weil der Markt die Probleme löst“, steht angesichts der zu lösenden Probleme auf tönernen Füßen.
Denn verschiedene Aspekte und unterschiedlichste Interessen müssen beim Zusammenwachsen der Welt miteinander in Einklang gebracht und immer wieder angeglichen werden, damit der Prozess der Globalisierung gemäß den heute auf politischer und gesellschaftlicher Ebene geführten Diskussionen und Zielsetzungen für alle Menschen positiv realisiert werden kann.



Globalisierung braucht eine neue Ethik

Wünschenswert, aber durchsetzbar? Menschliche Solidarität ist den Erfahrungen nach in weiten Bereichen auch in Deutschland eher Wunschdenken denn Realität. Noch lange sind Vorurteile, soziale Ängste, Intoleranz, sozialer Neid, Fremdenhass und persönliche Habgier nicht aus der Welt.
Dennoch oder besser genau deshalb braucht der Globalisierungsprozess eine verbindliche Ethik, die Lehre vom sittlichen Handeln in einer neuen Situation, die für den Einzelnen noch nicht einschätzbar und vorstellbar ist.
Der Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan hat die Global-Compact-Initiative ins Leben gerufen, die ausländischen Investoren nahe legt, die Prinzipien zum Menschenrechtsschutz sowie zu Sozial- und Umweltstandards bei ihrem unternehmerischen Handeln zu beachten.
Letztlich würde sich die Einhaltung von Forderungen, die diesbezüglich für das unternehmerische Handeln in den so genannten „armen Ländern“ gestellt werden, auch der Umweltbilanz der „reichen Ländern“ zugute kommen, denn Umweltzerstörung zerstört nicht nur Teilbereiche der Natur, sondern über Subprozesse die Natur weltweit. Die Akzeptanz von Menschenrechtsverletzungen in „den armen Ländern“ entspricht nicht den humanistischen Leitgedanken und ethischen Einstellungen, die sich während der Renaissance entwickelt hatten und die den Wert und die Würde des Menschen zum obersten Prinzip erhoben. Die Aufgabe der Gesellschaft war es und ist es nach diesen Prinzipien, die Selbstverwirklichung des Individuums als soziales Wesen zu ermöglichen. 
Auch Johannes Rau setzt sich in seiner „Berliner Rede“ mit diesem Thema auseinander. Er fordert so genannte „Global Governance“ und eine stärkere Berücksichtigung der Entwicklungsländer bei den Entscheidungsgremien von Weltbank, Weltwährungsfonds und Welthandelsorganisation, denn Aufgabe der Gesellschaft – und auch der Weltgesellschaft - ist nach humanistischen Grundsätzen die Selbstverwirklichung des Individuums als soziales Wesen. Und ein wichtiges Menschenrecht sind gute soziale Bedingungen, in denen ein Mensch sich und seine Persönlichkeit entfalten kann.



Fazit

Wenn Globalisierung in der Weise verwirklicht werden kann, wie sie zur Zeit diskutiert wird, so bedeutet die Umsetzung der propagierten Ziele eine schöne neue Welt für alle, eine Vorstellung, die sicherlich weitreichende Zustimmung und Unterstützung erfährt. Wenn die Globalisierung tatsächlich nach humanistischen und umweltschonenden Prinzipien gestaltet wird, kann sie für alle Menschen dieser Welt die Verwirklichung der demokratischen Grundrechte sein, wie sie auch für die deutsche Bevölkerung im Grundgesetz Deutschlands verankert sind: Freiheit, Selbstbestimmung, Entfaltung der Persönlichkeit.
Eine philosophische Annäherung an einen komplexen Prozess hat keinen Anspruch auf Wahrheit, denn die Wahrheit ist ein subjektiver Wert, und eine gesellschaftliche Wahrheit ist die Summe vieler einzelner Wahrheiten. Karl Marx sagte: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf an, sie zu verändern“ [8]. Im Hinblick auf die Globalisierung kann man dann nur noch ergänzen: Und es kommt darauf an, wie sie verändert wird.



______________________________________________
[1] siehe Linkhinweis (1) am Ende
[2] Berliner Rede 2002, siehe Linkhinweis(2) am Ende
[3] siehe Linkhinweis (3) am Ende
[4] Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde im 18. Jahrhundert im Bereich der Forstwirtschaft geprägt und besagt: Schlage nur so viel Holz ein, wie der Wald verkraften kann, und so viel Holz, wie nachwachsen kann, damit man von den „Zinsen“ des Kapitals Wald leben kann.
[5] W. Frank: Volkswirtschaft, Lehre und Wirklichkeit, 1972
[6] J.Trittin: Welt um Welt, 2002
[7] Rede zum Evangelischen Kirchentag, siehe Linkhinweis(1) am Ende
[8] Karl Marx, 11. These über Feuerbach (1845/46)

Internet


(1) http://www.weizsaecker.de/widerden.html

(2) http://www.bundespraesident.de/top/dokumente/Rede/ix_79739.htm

(3) http://www.umweltministerium.bayern.de/aktuell/newsroom/reden/2001/161101.htm

(4) http://www.bmwi.de/wirtschaftsbericht02/

Textproben