© Annette Schelb, 1998 (Kinderhörspiel, produziert vom Westdeutschen Rundfunk, Köln)

Ludmil ohne La

Die Geschichte mit Ludmil war von Anfang an eine merkwürdige Geschichte. Fand auch Tante Roswitha.
Eigentlich sollte Ludmil ja Ludmilla heißen, denn sie war ein Mädchen. Und Ludmil ist nichts. Nicht einmal ein richtiger Name. Aber damals, als Ludmil geboren wurde, war tiefster Winter, und die meisten Leute hatten dunkelrote Nasen vor lauter Schnupfen. Auch die Dame vom Amt hatte einen Schnupfen. Den schnupfigsten Schnupfen von allen Leuten überhaupt in diesem kalten Winter. Und als Ludmils Opa Ludmillas Ankunft beim Amt melden wollte, öffnete er die Amtszimmertür gerade, als die Dame vom Amt ihren allerschlimmsten Schnupfenanfall in diesem Winter in ihr Taschentuch nieste und mit rotem Kopf und noch roterer Nase zu Opa aufschaute. Und als Ludmils Opa die Ankunft seiner Enkelin Ludmilla meldete - laut und deutlich, wie es seine Art war, denn Ludmils Opa war Fregattenkapitän bei der Armee - ging das La am Ende von Ludmil in einem wüsten Nieser der Dame vom Amt einfach unter wie ein U-Boot im Atlantik - und ward nicht mehr gesehen. Es tauchte fortan nirgends mehr auf, weil Opa, der mit den Jahren etwas kurzsichtig geworden war, seine Brille nicht aus der Tasche holte, als er das Anmeldeformular für Ludmil unterschrieb, weil die Dame vom Amt ihm sehr gefiel, weil Opa ja seine Brille nicht auf der Nase hatte und weil er zu eitel war, sie aufzusetzen, um seinerseits der Dame vom Amt besser zu gefallen. So war das, und so wurde Ludmilla also Ludmil...


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