© Annette Schelb

Der Maiglöckchenmord


Ausgerechnet hier muss er liegen. Im Maiglöckchenfeld neben dem Baum, den Kafka, mein Schäferhund, seit jeher quasi als Privatklo nutzt und an dem er bei Wind und Regen, Hagel und Sturm, bei Sonne und in der Dunkelheit sein Bein hebt. Nicht weit übrigens vom Schrebergartenhaus meiner Tante Luise entfernt, die sonntags hin und wieder gern zu selbst gebackenem Kuchen mit einem je nach Jahreszeit wechselnden Belag aus Obst aus dem eigenen Garten lädt, der manchmal, aber das ist ein Geheimnis, das nur wir beide teilen, aus Fallobst besteht und dann unter einem Berg Schlagsahne versteckt wird. Nach drei Stücken ist mir regelmäßig so übel, dass ich noch von Tante Luises selbst aufgesetztem Aufgesetzten nehmen muss.

Hier liegt er also. In meinem höchst privaten Refugium. Oder jedenfalls nicht weit entfernt. Nackt. Kein besonders schöner Anblick oder präziser: ein erbärmliches Bild der Dekadenz, eine widerlich weiche Installation aus ungeformter Masse – so unsagbar fett, so bläulich-weiß schwartig, so ganzkörperlich behaart außer auf dem Kopf – die ultimative Metapher für den Begriff „Kotzbrocken“, denke ich. Und schäme mich dafür.


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