© Annette Schelb, 2000 (Kinderhörspiel-Manuskript für den Westdeutschen Rundfunk, Köln)
Text erschienen bei Schreib für mich


Tschüss Opa!

Milan steht da wie vom Donner gerührt. Mama hatte ihn in den Arm genommen, als er nach Hause kam. „Milan“, hatte sie gesagt, „ich muss dir etwas sagen, das dich sehr traurig machen wird: Opa ist tot.“
„Ganz tot?“ hatte Milan gefragt. Er kann es nicht glauben, nicht richtig jedenfalls. Nie hat er sich vorstellen wollen, dass er irgendwann ein Waisenenkel sein würde, einfach ein Junge ohne Opa. Ein Kind ohne Großvater war für ihn genauso unvorstellbar wie Weihnachten ohne Lieder und Gebete und Wunderkerzen.
Zum ersten Mal hatte ihn dieser Gedanke, dass auch Opa irgendwann sterben müsse, wie ein kalter Hauch berührt, als Oma Lenchen im vorigen Winter gestorben war. Beim Kuchenbacken für Annas Geburtstag. Das war im Februar. Anna war schrecklich traurig gewesen. Und Milan auch. Aber lange nicht so traurig wie Anna. Er konnte sie kein bisschen zum Lachen bringen, obwohl er doch ihr bester Freund war.
Er versuchte es mit Ohrenwackeln. Aber Anna sagte: „ Lass das, Milan.“
Er übte stundenlang die verrücktesten Grimassen vor dem Spiegel. Alles für Anna. Aber Anna sagte: „Milan, du siehst einfach nur bescheuert aus.“
Er kaufte einen Videofilm mit Tortenschlachten, weil Anna Filme mit Tortenschlachten liebt. Doch Anna sagte: „Milan, verschwinde endlich!“
Sie wollte kein Eis, sie wollte keine Schokolade. Sie wollte nichts.
Deshalb ging Milan damals allein spazieren. Am Treppchenbach fand er einen bunten Stein mit Quartzglitzern an der Seite und einem schönen Muster. Für Anna. Darüber hatte sie sich gefreut, das spürte Milan ganz genau, obwohl sie ihn nicht angestrahlt hatte wie sonst. Aber ein bisschen glücklicher sah sie endlich wieder aus, nachdem Milan sie in den Arm genommen und ganz fest gedrückt hatte. Gesagt hatte er nichts, nur so fest gedrückt, wie er konnte. Da hatte Anna geweint, aber nicht, weil ihr etwas weh tat...


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