© Annette Schelb
C. C. Based Rehabilitation in Tansania


Geert V. arbeitet als Leiter der C. C. Based Rehabilitation (umfassendes, von der Öffentlichkeit getragenes Rehabilitationsprogramm) in Tansania. Er ist einer der Experten für die unterschiedlichen Projekte und Aufgaben, die XX in den Entwicklungsländern plant.



Beim Bonner Kongreß hielt er den folgenden sehr interessanten Vortrag:


Die Dinge, die bisher während des Kongresses diskutiert worden sind, unterscheiden sich von einzelnen Punkten, die wir während der nächsten Minuten ansprechen werden, ganz erheblich, und zwar, weil wir bisher über Kinder und Erwachsene gesprochen haben, die noch L E B E N.
Was ich Ihnen berichten werde, handelt in erster Linie von Menschen, die bereits tot sind oder bald sterben werden, oder die - was oft noch schlimmer ist - unter menschenunwürdigen Bedingungen ihr Leben fristen.

Bisher haben wir in unseren Diskussionen davon gesprochen, daß Menschenwürde ein Menschenrecht ist. In meinem Bericht wird es darum gehen, daß dieses Menschenrecht hier eher eine Art Luxusgut ist.

Wenn wir von moderner Medizin sprechen, denken wir an neue Techniken und an die Chirurgie, ich aber werde über einen Mangel an gewöhnlichen (Schutz-)Impfungen sprechen, über einen Mangel an Aspirintabletten und über Mütter, die ihre Kinder nicht in Gesundheitszentren zur Welt bringen, weil ihnen schlicht das Geld fehlt, um die damit verbundenen Aufnahmegebühren aufbringen zu können.



März 1996. Irgendwo in Afrika.


Als die Mutter der neugeborenen Kezia das Hospital verlassen wollte, teilte ihr die Krankenschwester mit, daß sie froh sein könne, ihr Baby behalten zu dürfen. Und das sei nur deshalb der Fall, weil die Mutter der Krankenschwester nicht erlaubt habe, ihr das Baby gleich nach der Geburt fortzunehmen. Sie war sogleich auf das Problem auf dem Rücken des Babies hingewiesen worden. Ein anderer Arzt war hinzugezogen worden, nachdem die Mutter darauf bestanden hatte, daß alles unternommen werde, um ihrem Kind zu helfen. Die Ärzte und Krankenschwestern führten lange Diskussionen, und schließlich entschloß man sich zu einem chirurgischen Eingriff. Kezia überlebte.

Die Mutter erzählte uns das Ende der Geschichte:

'Ein Jahr später merkte ich, daß Kezias Kopf immer größer wurde, und ich fing an, Geld zu sparen, um mit Kezla ein von meinem Heimatort weit entferntes Krankenhaus aufsuchen zu können. Dieses Unterfangen war nicht einfach, weil es in die Trockenzeit fiel und ich mir Sorgen machte, weil ich keine entsprechende Kleidung zum Anziehen hatte.

Als wir schließlich doch in dem Krankenhaus ankamen, verlangte die Person am Empfang weitere 100 Francs zusätzlich zu den Krankenhausgebühren - sozusagen als Bestechungsgeld - denn sie sagte, daß sie mich sonst warten lassen wolle. Auch der Arzt wollte sein Geld schon haben, bevor er bereit war, Kezia auch nur anzuschauen. Nachdem er sie dann untersucht hatte, sagte er, daß man nichts für sie tun könne. Also fuhren wir wieder nach Hause. Meine Familie war verärgert darüber, daß ich das ganze Geld verschwendet hatte'.

Es wäre nun natürlich wunderbar einfach, diese kleine Geschichte nach den beliebten Kriterien „das Gute - das Böse - und das Häßliche“ zu beurteilen. „Das Gute“ wären in diesem Falle die Mutter und das Kind, das Schlechte die Afrikaner im allgemeinen, und das Häßliche wären wohl die Ärzte und das restliche Krankenhauspersonal.

Dennoch werden mir die hier Anwesenden, die auch nur eine leise Ahnung von den Lebensbedingungen und den Einrichtungen bzw. Möglichkeiten im Gesundheitsbereich in diesen Ländern haben, sicher zustimmen, daß die Realität nicht ganz so einfach ist. Und wir alle wissen, daß ein chirurgischer Eingriff ohne die Möglichkeit einer medikamentösen Nachbehandlung und ohne nachfolgende Rehabilitationsmaßnahmen weit davon entfernt ist, sicherzustellen, daß der Patient im Anschluß an eine solche Behandlung ein sinnerfülltes Leben führen kann.

Ich habe Kinder mit Spina bifida und Hydrocephalus in ihren Elternhäusern gesehen, bei denen zwar mehrere chirurgische Eingriffe durchgeführt worden waren, für die aber nicht die Möglichkeiten einer Nachbetreuung gegeben waren. Sie hatten mehrere Infektionen hinter sich, sie waren nicht imstande zu sitzen, litten an schweren seelischen Störungen, erblindeten schließlich und wurden taub, und ihre Zukunft besteht unausweichlich darin, in jungen Jahren einen schrecklichen Tod zu sterben.

Bloßes Moralisieren oder ähnliches kann nicht die Lösung für eine solchen Situation sein.

Solange die allgemein vorhandenen Gesundheitseinrichtungen in diesen Ländern nicht verbessert werden, kann man davon ausgehen, daß die meisten Kinder mit Spina bifida und Hydrocephalus in den Entwicklungsländern weiterhin früh sterben. Um dies zu ändern, müßten die Angestellten des staatlichen Gesundheitswesens besser ausgebildet werden und eine bessere Bezahlung erhalten. Bisher sind Gehälter von hundert DM im Monat und weniger in Afrika durchaus üblich.

Ein anderes Beispiel für die Mißstände im Gesundheitswesen: das Budget für das Öffentliche Gesundheitswesen in einem bestimmten Land ist kleiner als das Budget, das dasselbe Land für die Veranstaltung von Empfängen und Büffets für ausländische Präsidenten und andere VIPs (very important persons, also besonders einflußreiche Personen) verbraucht.

Wenn wir also heute über dieses Thema sprechen, dann deshalb, weil der Vorstand von if der Meinung ist, daß jedes Kind, dem wir einen chirurgischen Eingriff und eine anschließende angemessene Versorgung angedeihen lassen können, diese Bemühungen hundertmal wert ist. Der Vorstand des Verbands hat beschlossen, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um gute Ergebnisse in möglichst vielen Ländern zu erzielen.

Die folgenden Schwierigkeiten sind die Haupthinderungsgründe, mit denen wir in den Entwicklungsländern konfrontiert sein werden:

Diese Punkte sind also unsere Hauptschwierigkeiten. Sie kennzeichnen die Situation in den meisten Entwicklungsländern. Daraus erklärt sich, warum weniger als 1 % aller Patienten mit Spina bifida und Hydrocephalus in den Entwicklungsländern eine auf ihre Krankheit abgestimmte Spezialbehandlung erhalten.

Als wir nun anfingen, Lösungsmöglichkeiten zu finden, hatten wir eine Vielzahl von Dingen zu bedenken. Der Grund hierfür ist, daß der Verband natürlich keine Krankenhäuser oder Einrichtungen für die Nachsorge gründen kann. Allerdings wollen wir dafür Sorge tragen, daß sich die Situation in medizinischer Hinsicht (wie in dem von Carla Verpoorten veröffentlichten Artikel im „Federation Focus“ Nummer 19 beschrieben) für Patienten mit Spina bifida und Hydrocephalus in allen afrikanischen Ländern verbessert.

Aber dies sind, wie gesagt, unsere Hauptschwierigkeiten, die stellvertretend für alle Entwicklungsländer stehen. Und aus diesen Gründen erhalten wiederum weniger als 1 % der Patienten mit Spina bifida und Hydrocephalus irgendeine auf ihr Krankheitsbild zugeschnittene Behandlung.

Und da der Verband nun einmal keine Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen ins Leben rufen kann, müssen wir überall dort, wo wir die Situation der Kranken verbessern wollen, auf die bereits bestehende und zur Verfügung stehende Infrastruktur aus Menschen und auf die vorhandenen materiellen und organisatorischen Mittel zurückgreifen. Da diese in den einzelnen Ländern unterschiedlich beschaffen sind, müssen wir flexibel an die Sache herangehen. Wir müssen Abmachungen und Vereinbarungen mit den zuständigen öffentlichen Stellen für die bestehenden Rehabilitations- oder Gesundheitsprogramme treffen. Hier sind wir wiederum darauf angewiesen, daß diese Stellen mit den ansässigen Krankenhäusern und Chirurgen zusammenarbeiten und sie mit den notwendigen Geräten ausstatten und mit speziellen Hilfsmitteln (wie z. B. Shunts) beliefern. Weiterhin müßten sie für die Bereitstellung von speziellen Trainingseinheiten Sorge tragen sowie finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, damit die Gehälter des Krankenhauspersonals angehoben werden können. Die für die öffentlichen Programme zuständigen Stellen müßten außerdem dafür Sorge tragen, daß die Bevölkerung und die Gesundheitsdienste Informationen bekommen (insbesondere die Entbindungs- Einrichtungen) und die Patienten so schnell wie möglich umfassend aufgeklärt werden. Diese Programme müssen Ausbildungseinheiten umfassen, die auf eine entsprechende Nachbetreuung der operierten Patienten und die Ermöglichung von Rehabilitationsmaßnahmen in ihren Familien abzielen. Dieser Maßnahmenkatalog muß überwacht und mit größter Sorgfalt organisiert und ausgeführt werden. Wir müssen uns im klaren darüber sein, daß insbesondere die finanzielle Verwaltung der Gelder ein Problem darstellt.

Die Kosten für die vorgenannten Punkte werden hoch sein. Der Verband ist schon dabei zu prüfen, wo bereits gute öffentliche Programme laufen und wo man mit Aktivitäten beginnen kann. Außerdem sucht der Verband nach großen Organisationen, die diese Aktivitäten hoffentlich finanziell unterstützen werden. Ein großer Teil der Gelder wird allerdings vom Verband selbst bereitgestellt werden müssen, weitere Geldgeber, die bereit sind, unser Projekt finanziell zu unterstützen, müssen noch gefunden werden.

Aber: was sonst ist der Verband, wenn nicht der Zusammenschluß aller nationalen Organisationen?

Wenn Ihnen etwas daran liegt, kann Ihre Organisation wenigstens in einigen Ländern dazu beitragen, daß die entsetzlichen und menschenunwürdigen Lebensbedingungen der Kinder sich so weit verbessern, daß sie ein lebenswertes Leben führen können, und zwar innerhalb ihrer Familien, die über die Situation informiert sind und die wissen, wie sie zu einer solchen Verbesserung beitragen können, und mit medizinischem Personal und Rehabilitationshelfern, die das Wissen und die Mittel haben, das Leben ihrer Patienten so vorteilhaft und sinnvoll wie möglich zu gestalten.

Lassen Sie uns zusammen versuchen, diese Ziele zu erreichen, zumindest in einigen Entwicklungsländern. In dieser Anfangsphase möchten wir anmerken, daß die Chancen, gute Erfolge zu erzielen, beträchtlich sind. Unter Anwendung des beschriebenen Maßnahmenkatalogs haben wir in einem Ort, nämlich in Dar es Salaam in Tanzania, bereits hervorragende Resultate erzielt: 25 Kinder sind dort operiert worden, und die entsprechenden Rehabilitationsmaßnahmen wurden in den Familien durchgeführt.



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