© Annette Schelb, Lommerwiese 67, 53639 Königswinter

Adieu Tristesse


Sie hatte gedacht, es sei einfacher, sich zehn Minuten reglos ans Fenster zu stellen und diesen gottverdammten Kater anzuschauen. Nicht, dass sie ihn nicht gemocht hätte. Was man füttert, liebt man gewöhnlich, und der Kater ist wohlgenährt. Ein Stück lebendiger, weicher, schnurrender und meist eher träger Liebe, die stundenlang auf der Fensterbank sitzt und auf den Hof schaut. Er hat ihr sein Profil zugewandt: die gerade, edle Nase mit dem stumpfen Ende und den Barthaaren, die wie gebündelte Garben aus der samtigen Katzenoberlippe sprießen, um an den Enden lose auseinanderzubüscheln. Sie schaut auf die pelzige Stirn, aus der weiße Haargrannen sich in sanftem Bogen vom Kopf weg nach unten fallen lassen, Antennen in der Nacht über diesen unvergleichlichen Augen aus honigfarbenem Bernstein, in die ein tiefes Schwarz gefallen ist, Striche manchmal, schmale Irismandeln, manchmal auch geheimnisvolle runde Spiegel, in denen jeder Augenblick sein Echo findet.
Der Kater schaut Margareta herablassend an, und ihr ist klar, dass sie niemals diese ruhige Überlegenheit einer Katze am Fenster haben wird.
‚Kein Wunder‘, denkt sie, ‚überhaupt kein Wunder. Das Leben geht für mich nicht einfach an der Scheibe vorbei wie ein Kinofilm.‘
Das Haus gegenüber hat tiefe Narben im Gemäuer, die Farbe blättert ab wie Haut nach einem schweren Sonnenbrand. Noch durch die geschlossenen Fenster kann Margareta den Geruch riechen, der sich vermutlich für immer in den Fluren eingenistet hat: nach Essen, nach Schweinsbraten- und Rotkohlseelen, nach gebrochenen Herzen und nach Pst! in der Wohnung, Pst! beim Geschlechtsakt, Pst! am Tisch und nach grauem Alltag ohne besondere Vorkommnisse. „Wer Samtpfoten hat, braucht keine Angst zu haben, weißt du. Keine Angst davor, von der Mittelmäßigkeit des Lebens verschluckt zu werden.“ Vielleicht trägt Margareta deshalb schon seit langem keine hochhackigen italienischen Lederschuhe mehr, die Stakkatos auf die Pflastersteine knallen, die auffallen, weil sie die einzige ist, die Stöckelschuhe trägt. Der Kater sitzt auf dem obersten Regalbrett und schaut hoheitsvoll auf sie herab.

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