© Annette Schelb, 1997 (Veröffentlichung in der von Judith Sixel herausgegebenen Anthologie „Poesie für jeden Tag“, erschienen 2007 beim Herder-Verlag; ISBN 978-3-451-28916-3)   Verlag Herder, Freiburg


Zwischen den Zeiten

Noch lässt die Nacht den kleinen Tod,
den Schlaf, durch Adern fließen.
Wie Mondlichtfluten aus Opal,
geheimnistief und milchigmatt.
Den Sternenmantel tiefschwarzblau
mit Silberstaub hat sie gehaucht,
die Nacht, ein Netz, mit dem man
Schmetterlinge fängt.
Die sitzen wie betäubt vom Duft
der süßen Blume Zweisamkeit,
und durch den Nachtwind
neu beseelt, taumeln sie
durch Wunderwelten.

Und deine Hand ein Zauberding,
das Wachs aus meinen Gliedern macht,
das meine Schenkel so weit spreizt,
als passe eine Welt dazwischen -
und auch der Himmel und die Nacht
und tiefe Weite und ein Klang.
Silberstäube wirbeln auf.
Sie strudeln hin zu mir, zu dir,
in deine Hand, die blaue Himmel hält
wie ein Versprechen,
und sammeln sich darin und schmelzen
und schwellen an zu einem Strom,
zu einem Meer aus Silber, Gold und Indigo.

Purpur steigt aus dunklen Quellen.
Uralt, schwer und ungestüm
bringt es das rote Tier zur Welt,
das Flammen züngelt, Brände legt
und rast und lodert, bis es birst
und Asche wird in seiner Lust.
Die Welt bleibt stehn.
Die Zeit verebbt.
Nur du bist da und ich und
zwischen uns die Ewigkeit,
unendlich weit und tief und still -
ein kleiner Tod noch vor dem Tag.



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